ARFID – wenn Essen immer weniger wird

ARFID – wenn Essen immer weniger wird

Viele Menschen mit ARFID erleben nicht, dass sie „weniger essen wollen“, sondern dass sich ihre Lebensmittelauswahl im Laufe der Zeit immer weiter verengt. Was zunächst noch als wählerisches Essverhalten erscheint, entwickelt sich schleichend zu einer massiven Einschränkung – häufig mit erheblichem Leidensdruck.

ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist eine eigenständige Essstörung, bei der nicht Gewicht, Figur oder Kalorien im Vordergrund stehen. Entscheidend ist vielmehr die Vermeidung bestimmter Lebensmittel oder ganzer Lebensmittelgruppen.

Wenn Vielfalt im Essen verloren geht

Typisch für ARFID ist die Einteilung in „sichere“ und „unsichere“ Lebensmittel. Alles, was als unsicher erlebt wird, wird konsequent vermieden. Im Verlauf bleiben bei vielen Betroffenen nur noch fünf bis zehn akzeptierte Lebensmittel übrig.

Diese Lebensmittel sind häufig stark verarbeitet oder einseitig zusammengesetzt. Frische Speisen, Obst oder Gemüse werden oft vollständig gemieden – nicht aus gesundheitlichen Überlegungen, sondern aufgrund von Angst, Ekel oder sensorischer Überforderung.

Unterschiedliche Wege in die Essvermeidung

ARFID kann sich auf unterschiedliche Weise entwickeln. In der therapeutischen Praxis zeigen sich dabei vor allem zwei typische Verläufe:

Zum einen kann die Essvermeidung nach unangenehmen Erfahrungen entstehen, etwa nach Erbrechen, Verschlucken, starkem Würgereiz oder Schmerzen beim Essen. Diese Erlebnisse können dazu führen, dass bestimmte Lebensmittel oder Konsistenzen dauerhaft als bedrohlich erlebt werden.

Zum anderen entwickelt sich ARFID ohne ein konkretes auslösendes Ereignis. Viele Betroffene berichten von einer ausgeprägten Abneigung gegenüber bestimmten Geschmäckern, Konsistenzen, Gerüchen oder auch Farben von Lebensmitteln. Sensorische Sensitivität spielt hierbei häufig eine zentrale Rolle. Das Essen wird nicht als neutral oder angenehm erlebt, sondern als stark belastend.

Beide Entwicklungswege können dazu führen, dass sich die Lebensmittelauswahl immer weiter einschränkt.

Früher Beginn und lange Verkennung

ARFID beginnt häufig bereits im Kleinkind- oder Kindergartenalter. Anfangs wird das Verhalten oft als „normale Phase“ oder als besonders ausgeprägte Wählerischkeit interpretiert. Nicht selten wird davon ausgegangen, dass sich das Essverhalten mit der Zeit von selbst normalisieren wird.

Tatsächlich zeigt sich jedoch häufig das Gegenteil: Ohne gezielte Unterstützung verfestigen sich die Vermeidungsmechanismen, und die Einschränkungen bleiben bis ins Jugend- oder Erwachsenenalter bestehen.

Warum ARFID oft spät erkannt wird

ARFID ist nach wie vor vergleichsweise wenig bekannt. Viele Ärzt:innen und Fachpersonen haben kaum Erfahrung mit dieser Essstörung. Entsprechend kommt es nicht selten zu Fehleinschätzungen oder beruhigenden Aussagen wie, dass sich das Essverhalten „verwachsen“ werde.

Da Betroffene häufig kein gestörtes Körperbild zeigen und das Gewicht nicht immer auffällig ist, bleibt die zugrunde liegende Problematik lange unerkannt. Der innere Leidensdruck kann dabei erheblich sein, auch wenn er nach außen kaum sichtbar wirkt.

Wann professionelle Unterstützung notwendig ist

Eine dauerhaft stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl ist nicht nur psychisch belastend, sondern kann auch körperliche Folgen haben. Wenn der Körper über längere Zeit nicht ausreichend mit Energie, Vitaminen und Nährstoffen versorgt wird, kann es zu Mangelerscheinungen, körperlicher Schwäche, Konzentrationsproblemen oder weiteren gesundheitlichen Komplikationen kommen.

Je geringer die Vielfalt der akzeptierten Lebensmittel wird, desto größer ist das Risiko einer unzureichenden Versorgung. In ausgeprägten Fällen kann ARFID daher auch körperlich gefährlich werden – selbst dann, wenn das Körpergewicht zunächst unauffällig erscheint.

Professionelle Unterstützung ist insbesondere dann angezeigt, wenn:

  • nur noch sehr wenige Lebensmittel gegessen werden
  • Angst, Ekel oder starke innere Anspannung beim Essen auftreten
  • Mahlzeiten vermieden oder soziale Situationen rund ums Essen eingeschränkt werden
  • körperliche Beschwerden oder Mangelerscheinungen hinzukommen
  • der psychische Druck wächst

In diesen Fällen sollte ARFID nicht verharmlost werden. Eine spezialisierte psychotherapeutische Behandlung ist dann nicht nur hilfreich, sondern notwendig, um sowohl psychische als auch körperliche Folgen langfristig zu verhindern und die Lebensqualität wieder zu verbessern.

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