Die Purging-Störung: ernstzunehmende Essstörung ohne eigenständige Diagnose

Die Purging-Störung: ernstzunehmende Essstörung ohne eigenständige Diagnose

Bei Essstörungen denken die meisten Menschen zunächst an Anorexie oder Bulimie. Doch abseits dieser bekannten Krankheitsbilder existieren weitere belastende Essstörungen, wie etwa die Purging-Störung. Auch wenn sie weniger bekannt ist, sollte diese Form der Essstörung keinesfalls unterschätzt werden.

Was genau ist die Purging-Störung?

Der Begriff „Purging“ stammt aus dem Englischen und bedeutet „reinigen“ oder „abführen“. Im Kontext von Essstörungen beschreibt „Purging“ Verhaltensweisen, die verhindern sollen, dass Betroffene zunehmen. Diese Praktiken kennt man vor allem von der Bulimie, bei der Personen nach Essanfällen absichtlich erbrechen oder Abführmittel missbrauchen.

Bei der Purging-Störung greifen Betroffene ebenfalls zu Erbrechen oder Medikamentenmissbrauch, insbesondere von Abführmitteln, Diuretika oder Schilddrüsenpräparaten, um Gewichtszunahmen zu verhindern. Im Unterschied zur Bulimie fehlen jedoch die unkontrollierten Essanfälle. Menschen mit einer Purging-Störung nehmen normale Mahlzeiten zu sich, empfinden jedoch trotzdem, zu viele Kalorien aufgenommen zu haben, und ergreifen daher drastische Maßnahmen.

Ernste gesundheitliche Folgen

Die Purging-Störung birgt ähnliche Risiken wie die Bulimie. Die extremen Maßnahmen zur Gewichtskontrolle können zu Elektrolytstörungen und Nährstoffmangel führen. Häufiges Erbrechen schädigt zudem Zahnschmelz und Zahnfleisch und kann den Magenschließmuskel, die Speiseröhre sowie die Stimmbänder beeinträchtigen. Das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl wird gestört oder kann vollständig verschwinden.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Therapie der Purging-Störung orientiert sich an den Behandlungsansätzen für Bulimie. Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie sind hierbei besonders hilfreich. Diese Therapien zielen darauf ab, das gestörte Essverhalten und die zugrundeliegenden psychischen Probleme zu behandeln.

Keine eigenständige Diagnose

Viele Patienten mit gestörtem Essverhalten erfüllen nicht alle Kriterien für klassische Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie. Dennoch können sie stark in ihrem Alltag beeinträchtigt sein und erhalten dann oft die Diagnose „Essstörung, nicht näher bezeichnet“. Häufig verbirgt sich hinter dieser Diagnose die Purging-Störung, die bislang nicht offiziell anerkannt ist, aber zunehmend wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhält.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Ein US-amerikanisches Forschungsteam um Katherine Jean Forney von der Ohio University hat die Purging-Störung genauer untersucht. In einer Langzeitstudie wurden 50 Frauen mit Purging-Symptomen mit 82 Bulimie-Patientinnen verglichen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wurden die Teilnehmerinnen hinsichtlich ihres Essverhaltens, ihrer Lebensqualität und psychischen Beeinträchtigungen befragt.

Die Studie zeigte, dass diese Essstörung ebenso belastend wie Bulimie ist. Jede vierte Patientin litt an einer begleitenden Depression oder Angststörung. Das Purging-Verhalten blieb bei etwa der Hälfte der Befragten über die zehn Jahre konstant, nur wenige entwickelten eine Bulimie. Die Forscher schließen daraus, dass es sich bei der Purging-Störung um eine eigenständige psychische Erkrankung handelt und nicht um eine abgeschwächte Form der Bulimie.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Behandlung?

Forney und ihre Kollegen argumentieren, dass eine genauere Differenzierung der Restkategorie „nicht näher bezeichnete Essstörung“ in spezifische Krankheitsbilder wie die Purging-Störung hilfreich ist, um die Diagnose und Therapie zu verbessern. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Betroffene von Übungen zur Wahrnehmung von Hunger und Sättigung stärker profitieren könnten als Bulimie-Patienten.

Wie lassen sich Unterschiede zwischen der Purging-Störung und Bulimie feststellen?

 

Purging-Störung

Bulimie

Essverhalten

Normale Nahrungsaufnahme

Episoden von übermäßigem Essen

Essattacken

Nicht vorhanden

Vorhanden, unkontrollierte Essanfälle

Purging-Verhalten

Selbst induziertes Erbrechen, Laxantien-Missbrauch, exzessiver Sport

Selbst induziertes Erbrechen, Laxantien-Missbrauch, exzessiver Sport

Mögliche Gesundheitsgefahren

Elektrolytstörungen, Nährstoffmangel, Zahnschäden, Schädigung des Magenschließmuskels, Speiseröhre und Stimmbänder

Elektrolytstörungen, Nährstoffmangel, Zahnschäden, Schädigung des Magenschließmuskels, Speiseröhre und Stimmbänder

Therapie

Psychotherapie, Fluoxetin

Psychotherapie, Fluoxetin

Diagnose

Keine eigenständige Diagnose, klassifiziert unter atypischen Essstörungen

Eigenständige Diagnose

Tabelle: Vergleich Purging-Störung vs. Bulimie  ©eigene Darstellung

Worauf sollten Angehörige achten?

  1. Veränderungen im Essverhalten: Achten Sie auf Anzeichen dafür, dass der Betroffene normale Mahlzeiten zu sich nimmt, aber dennoch Maßnahmen wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmitteln ergreift, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken.
  2. Gesundheitliche Warnsignale: Symptome wie häufiges Erbrechen, Zahnprobleme, anhaltende Halsschmerzen oder auffälliger Gewichtsverlust können Hinweise sein.
  3. Psychische Belastungen: Begleitende Depressionen oder Angststörungen sind häufig. Achten Sie auf Stimmungsschwankungen, soziale Rückzüge oder Anzeichen von Stress und Überforderung.
  4. Gespräche und Unterstützung: Sprechen Sie offen und unterstützend mit dem Betroffenen, ohne zu verurteilen. Ermutigen Sie zur professionellen Hilfe und bieten Sie an, bei der Suche nach Therapiemöglichkeiten zu unterstützen.

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