ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist eine komplexe Essstörung, deren Kern nicht im Körpergewicht oder in bewusster Kontrolle liegt, sondern in Angst, Ekel und sensorischer Überforderung. Das bedeutet: reine Ernährungspläne oder das „einfach mal probieren“ reichen nicht, um die Erkrankung zu behandeln.
In der therapeutischen Praxis zeigt sich, dass Betroffene schrittweise, individuell und auf mehreren Ebenen begleitet werden müssen
Warum klassische Ernährungspläne oft scheitern
Viele Menschen denken: „Wenn nur klar definiert wird, was gegessen werden darf, löst sich das Problem von selbst.“ Bei ARFID funktioniert das nicht, weil:
- Die psychische Barriere viel stärker ist als der reine Appetit
- Angst oder Ekel körperliche und emotionale Reaktionen auslösen, die Essenspläne nicht auflösen
- Neue Lebensmittel nicht nur ablehnend, sondern oft stark aversiv erlebt werden
Praxisbeispiel:
- Eine Jugendliche erhielt einen Wochenplan mit Gemüse, Fleisch und Obst. Trotz klarer Vorgaben konnte sie keines der neuen Lebensmittel essen, da Textur, Geruch und Farbe Stress auslösten. Essenspläne alleine halfen hier nicht, erst eine schrittweise therapeutische Begleitung konnte die Blockaden lösen.
Zentrale Elemente einer erfolgreichen ARFID-Therapie
- Angst- und Ekelmanagement
- Schrittweises Heranführen an neue Lebensmittel
- Aufbau von Sicherheit und Kontrolle in der Situation
- Nutzung von Entspannungsstrategien, um körperliche Stressreaktionen zu reduzieren
- Sensorische Integration
- Analyse, welche Eigenschaften der Lebensmittel Probleme verursachen (Konsistenz, Geruch, Geschmack, Farbe)
- Planung von sanften Expositionen an neue Lebensmittel, angepasst an individuelle Grenzen
- Individuelle Verhaltensstrategien
- Einführung neuer Lebensmittel in kleinen, überschaubaren Schritten
- Positive Verstärkung und Stabilisierung durch erfolgreiche Erfahrungen
- Aufbau von Vertrauen in die eigene Fähigkeit, neues Essen zu akzeptieren
- Therapeutische Begleitung und Unterstützung
- Regelmäßige Sitzungen bei speziell geschulten Therapeut:innen
- Unterstützung der Familie oder Bezugspersonen, besonders bei Kindern und Jugendlichen
- Ganzheitliche Betrachtung von Ernährung, Angst und sozialer Anpassung
Warum ARFID-Therapie individuell sein muss
Jeder Betroffene reagiert anders auf sensorische Reize und Nahrungsvermeidung. Was bei einem Jugendlichen mit Ekel vor Gemüse funktioniert, kann bei einem Erwachsenen mit Angst vor bestimmten Konsistenzen völlig scheitern. Deshalb sind maßgeschneiderte, behutsame Strategien entscheidend.
Praxisbeispiel:
- Ein junger Erwachsener isst nur Nudeln, Toast und Süßigkeiten. Durch langsame, begleitete Exposition an eine neue Textur konnte er innerhalb weniger Monate drei weitere Lebensmittel akzeptieren. Ohne therapeutische Begleitung wäre dies nicht möglich gewesen.
Zusammenfassung
- ARFID ist nicht einfach „wählerisches Essen“ – es ist eine ernstzunehmende Störung, die sowohl psychisch als auch körperlich belastend sein kann
- Essenspläne alleine lösen das Problem nicht, da Angst, Ekel und sensorische Barrieren die Hauptrolle spielen
- Therapie muss individuell, behutsam und mehrdimensional sein: Angstmanagement, sensorische Integration, Verhaltenstraining und professionelle Begleitung
- Frühe und spezialisierte Unterstützung kann die Lebensqualität erheblich verbessern und körperliche Risiken vermeiden


