ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist eine eigenständige Essstörung, die sich deutlich von den bekannteren Essstörungen Anorexie und Bulimie unterscheidet. Im Zentrum steht nicht Gewicht oder Kalorienkontrolle, sondern die Vermeidung bestimmter Lebensmittel aufgrund von Angst, Ekel, sensorischer Sensitivität oder anderen belastenden Wahrnehmungen.
Die Unterschiede zu Anorexie und Bulimie sind wichtig, da sich daraus diagnostische Vorgehensweise, Therapieansätze und Unterstützungsstrategien ableiten.
ARFID: Nahrungsvermeidung ohne Gewichtsdruck
Menschen mit ARFID entwickeln eine stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl. Oft bleiben nur wenige akzeptierte Lebensmittel übrig, häufig stark verarbeitet oder einseitig zusammengesetzt.
- Die Vermeidung ist nicht bewusst kontrolliert, sondern entsteht durch Angst, Ekel oder sensorische Abneigungen gegen Geschmack, Textur, Geruch oder Farbe.
- ARFID kann sich bereits im Kleinkindalter entwickeln und bleibt lange unerkannt, da Gewicht oder Körperbild zunächst unauffällig sind.
- Anders als bei Anorexie gibt es kein Bedürfnis nach Kontrolle, Macht oder trügerischer Sicherheit über das Essverhalten.
- Auch emotionale Kompensation über Essen, wie bei Bulimie, spielt bei ARFID keine Rolle.
Die Erkrankung ist meistens rein auf Essen bezogen; andere Lebensbereiche bleiben oft psychisch unbetroffen.
Anorexie: Macht, Kontrolle und trügerische Sicherheit
Bei Anorexie steht bewusste Kontrolle über das Essen und oft das Körpergewicht im Vordergrund.
- Die Essensreduktion dient Macht und Sicherheit, nicht nur Kalorienkontrolle.
- Betroffene haben oft das Gefühl, durch das Essverhalten etwas in ihrem Leben „im Griff“ zu haben.
- Die psychischen Überzeugungen betreffen viele Lebensbereiche: Körperbild, Selbstwert, Kontrolle und teils auch zwischenmenschliche Beziehungen.
- Die Vermeidung bestimmter Lebensmittel ist strategisch und gezielt, nicht durch Angst oder sensorische Überforderung motiviert.
Bulimie: Essen zur emotionalen Regulation
Bulimie ist durch Essanfälle und häufig anschließende kompensatorische Maßnahmen gekennzeichnet, jedoch nicht immer mit Gewichtsfokus:
- Essen wird genutzt, um andere Emotionen zu bewältigen oder zu regulieren – z. B. Angst, Traurigkeit oder Stress.
- Kompensation kann auftreten, ist aber ein Mittel zur Regulierung, nicht das primäre Ziel.
- Die psychischen Überzeugungen bei Bulimie betreffen ebenfalls verschiedene Lebensbereiche, nicht nur das Essverhalten.
Bei ARFID existiert diese Form der emotionalen Kompensation oft nicht, hier bleibt das Problem meistens ausschließlich auf die Nahrungsvermeidung begrenz
Therapieunterschiede: Warum die Diagnose entscheidend ist
Die Therapie muss auf die zugrunde liegenden psychischen Mechanismen abgestimmt sein:
- ARFID: Behandlung konzentriert sich auf Angst, Ekel, sensorische Überforderung und Nahrungsvermeidung. Psychische Strukturen in anderen Lebensbereichen bleiben oft unbetroffen.
- Anorexie und Bulimie: Therapie fokussiert sich auf die erkrankten Überzeugungen, die sich über viele Lebensbereiche entwickelt haben. Dazu gehören Gewicht, Selbstwert, Kontrolle, Beziehungen und Essverhalten.
Eine präzise Diagnose ist entscheidend, um die richtige Vorgehensweise zu wählen und die Behandlung effektiv zu gestalten.
Kernpunkte zusammengefasst
- ARFID: Vermeidung bestimmter Lebensmittel aus Angst, Ekel oder sensorischer Sensitivität; psychische Strukturen bleiben ansonsten stabil
- Anorexie: Essensreduktion als Mittel zu Macht, Kontrolle und trügerischer Sicherheit; Überzeugungen betreffen viele Lebensbereiche
- Bulimie: Essanfälle zur emotionalen Regulation; psychische Überzeugungen betreffen ebenfalls viele Lebensbereiche


