Der Anfang

 In Februar 2009, Therapie-Tagebuch

Wie oft habe ich den Satz gehört: “ Du wirst nie vollständig gesund werden!“. „Von der Magersucht kommt man nie ganz los!“. „Mal geht es besser, dann geht es wieder richtig schlecht“.

Wer möchte so sein Leben leben? Ständig mit diesen Gedanken im Kopf, immer das Gefühl, dass man mit angezogener Handbremse sein Auto durchs Leben steuert?
Diese Qualen, dieser innere Schmerz, keine Empfindungen mehr außer Leere und Einsamkeit und immer das Gefühl, dass etwas mit einem nicht stimmt.
Aber warum versteht einen keiner? Warum kann niemand helfen und in diese Welt der Magersucht eintauchen und sie für uns Betroffene in erklärliche Worte fassen?
Wäre man da nicht lieber tot? Ist mit so einer Krankheit auf ewig verbündet zu sein lebenswert?

All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, nachdem ich seit fast 20 Jahren mit meiner Anorexie verbracht hatte und sie nun endgültig los werden wollte. Was habe ich nicht alles schon an Therapie versucht? Unzählige Klinikaufenthalte, ambulante Therapie (bei denen die meisten Therapeuten nicht den Eindruck vermittelt haben, als dass sie wirklich wüssten, womit sie es zu tun hatten und sich nie in mich und meine bizarre Gedankenwelt versetzen konnten), Eigenblutbehandlungen, Akupunktur, Hypnose, Handaufleger in Holland, etc…
Die Liste könnte ich noch endlos fortsetzen.

Ich möchte aber hier nicht nur von meinem Leid und der Verzweiflung erzählen, sondern genau vom Gegenteil. Wie hätte ich mir damals gewünscht, dass ich wenigstens ein Buch gefunden hätte, in dem eine Magersüchtige es geschafft hätte, aus der Krankheit heraus zu kommen. Wie inspirierend und ermutigend hätte dies sein können. Doch was bekommt man ausschließlich in die Hand? Nur Bücher, in denen versucht wird, die Krankheit zu erklären (meistens von Ärzten oder Therapeuten, die die Krankheit selber nur aus Büchern kennen und sich deswegen meistens nicht wirklich in die Betroffenen rein versetzen können) oder Tatsachenberichte, in denen wieder eine Essgestörte den Kampf verloren hat.

Auch ich habe nach so langen Jahren mit meiner Feindin und oft auch meiner verbündeten Freundin, der Anorexia Nervosa, es fast aufgegeben, noch an eine wirkliche Heilung und Genesung zu glauben. Doch tief in mir war immer diese Stimme, diese Hoffnung, dass man es doch schaffen kann. Auch wenn ich noch so am Boden zerstört war, klammerte ich mich an meinen letzten Lebenswillen. Es muss doch einen Weg aus der Krankheit geben! Andere Krankheiten kann man doch auch heilen. Warum sollte man also immer in diesem Teufelskreis bleiben?

Tatsächlich sollte meine kleine, innere Stimme, recht behalten. Ich habe diese Therapie gefunden und kann aufrichtig heute sagen, dass ich gesund bin. Die Magersucht und diese quälenden Gedanken und besonders dieses Gefühl, nichts wert zu sein, gehören meiner Vergangenheit an. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es wirklich möglich ist, nach so langen Jahren in dieser Krankheit und besonders mit diesem Gedankenmuster, alles hinter mir zu lassen und tatsächlich raus zu kommen aus dieser inneren Hölle, aus dieser bizarren, eigenen (einsamen) Welt.