Die Einstellung ändert sich

 In Abschlussbericht

Im Winter wurde ich über mehrere Wochen krank und hatte eine sehr starke Erkältung mit Fieber usw. Natürlich war das sehr unangenehm, aber es brachte mich dazu, mein Sportprogramm zu unterbrechen. Ich war mittlerweile so weit, dass ich mich und meinen Körper als einigermaßen wertvoll empfand und war mutig genug, zu sagen: „Du blöde Krankheit, lass mich in Ruhe! Mein Körper braucht Erholung!“
Auch das Essen wurde in dieser Zeit leichter, weil ich mir sicher war, dass es besser für meinen Körper sei, ihm jetzt dass zu geben, was er brauchte. So schlimm diese Zeit auch war, mit Krankheit und natürlich noch Gewissensbissen, war das auch ein durchschlagendes Ereignis.

Ich war schon zu weit von der Krankheit entfernt, zu stark und zu überzeugt davon, die Krankheitsregeln nicht mehr befolgen zu müssen, weil es mittlerweile auch für mich unnütze und unverständliche Regeln waren, dass es auch nach meiner Genesung kein Zurück mehr gab. Ich wollte nicht mehr dahin zurück, sondern weiter nach Vorne, ins Gesunde! Erst als die Symptome der Magersucht langsam bekämpft waren, hatte ich allmählich den klaren Blick für das, was wirklich mein Problem war.

Ich war mir nicht bewusst, dass ich ein wertvoller Mensch bin. Ich war mir nicht bewusst, dass auch ich Gutes verdient hatte ohne dafür erst hervorragende oder besondere Leistungen zu erbringen. Mein Selbstbewusstsein war nicht sonderlich ausgeprägt oder quasi nur oberflächlich vorhanden. Sobald mich jemand meiner Meinung nach persönlich angriff, fiel es wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ich war immer in allem unsicher und zweifelte mich, mein Können, meine Fähigkeiten, meine Erfolge und meine ganze Perons an. Ich traute mich nicht zu sagen, dass es etwas Gutes an mir gab. Ich hatte das Gefühl, dass sei eingebildet und ja sowieso unwahr. Ich traute mir und meiner Meinung nicht. Ich hatte Angst, dass zu sagen und zu dem zu stehen, was ich wirklich dachte und wollte. Meine Meinung interessierte ja eh keinen und wenn ich sie doch sagen würde, würden alle über mich lachen oder meine Meinung nicht teilen. Dann würden sie mich nicht mögen. Ich hatte keine Ahnung, wer ich bin, was mich ausmacht und dass ich ein toller, liebenswerter Mensch bin.

Als ich das begriffen hatte, ging es in großen Schritten weiter. Ich musste noch sehr viel an mir arbeiten und du hast immer zu mir gesagt, irgendwann spürst du deine innere Sicherheit. Ich habe mir das so sehr gewünscht aber zu der Zeit noch nicht gespürt. Natürlich habe ich noch oft gezweifelt und gedacht: „Ja, bei jedem anderen wird die innere Sicherheit auch irgendwann kommen, aber bei mir natürlich nicht.“

Aber je mehr ich mich mit meinen Problemen auseinander setzte, desto mehr verschwanden sie und ganz, ganz langsam wurde ich tatsächlich sicherer. Ich fing an, Dinge auszuprobieren und mich mit ihnen zu konfrontieren z.B. wirklich mal übers Wochenende wegzufahren, alleine irgendwo hinzugehen, wo ich niemanden kannte oder einfach meine Meinung zu sagen und dazu zu stehen. Ich hatte natürlich zu Anfang noch große Angst und Bedenken, doch wusste ich jetzt durch die Therapie, wie ich an meine Probleme und Hürden heranzugehen hatte und wie ich mir selbst die Angst nehmen konnte. Je mehr ich mich dem stellte und bemerkte, dass nichts Schlimmes passiert, sondern ich eigentlich Spaß hatte, glücklicher war und mehr ich selbst war, desto leichter fiel es mir. Ich wurde mutiger und begann Freude am Ausprobieren zu haben.

Ich begann meine Erfolge aufzuschreiben und mir immer wieder durchzulesen. Damit waren keine Riesensachen, wie z.B. das Bestehen einer Abschlussprüfung gemeint, sondern Sachen, die für mich vorher „Kleinigkeiten“ gewesen sind und ich sie nie anerkannt hatte. Wie z.B. „Heute habe ich außer der Reihe einen Schokokeks gegessen“ oder „Heute habe ich meiner Kollegin selbstbewusst meine Meinung zu Thema XY gesagt“. Ich begann langsam zu spüren, dass ich schon viel erreicht hatte und konnte zugebe n, dass ich stolz auf mich und zufrieden war. Ich merkte, je mehr ich mich mit mir beschäftigte, dass ich gar nicht die schlechte, blöde, unliebenswerte, niedere und furchtbare Person bin, die die Krankheit mir immer eingeredet hat.