Die ersten drei Wochen

 In Februar 2009, Therapie-Tagebuch

Nun bin ich schon drei Wochen in Therapie. Ich gehe jeden Tag zu meinen Stunden und habe mich am Anfang noch gefragt, was ich denn den ganzen Tag ansonsten so machen soll. Nur Therapie? Das kann doch nicht tagfüllend sein? Ich habe mir tatsächlich noch Gedanken darüber gemacht, was ich mit meiner freien Zeit machen könnte um keine Langeweile und somit die verbunden Leere zu empfinden.

Was für ein Witz! Wo ist meine freie Zeit? Und was ist Langeweile?
Ich bin den ganzen Tag so beschäftigt mit der Therapie, mit meinen Gedanken und mit meinen Aufschreibungen, dass ich nicht mehr wahrnehme, wie schnell doch die Wochen vergehen.

Langsam versuche ich zu verstehen, wo meine negativen Gedanken herkommen, wann sie kommen (fast 24 Stunden am Tag) und sie zu benennen.
Wir hier in der Therapie nennen die in uns steckende Negativität kurz CNC. Diese Abkürzung kommt von Confirmed Negativ Condition und bedeutet, dass unsere negativen Gedanken ständig von uns selber noch bestätigt werden und sie für uns die Realität darstellen.

Den ganzen Tag „hören“ wir in unserem Kopf oder in unseren Gedanken eine Stimme, die uns immer wieder sagt, wie schlecht wir sind, wie blöd wir aussehen und dass wir zu nichts taugen. Immer und immer wieder kommen diese Gedanken am Tag hoch bei unterschiedlichsten Aktivitäten. Wir stellen sie nicht mehr in Frage. Wir glauben der Stimme und bestätigen so unsere eigene Negativität.

Jeden Tag besteht meine Hauptaufgabe darin, meine Gedanken aufzuschreiben in eine Spalte. Die Spalte daneben bleibt leer. Die ersten Tage habe ich mich nicht so richtig getraut, auch wirklich das aufzuschreiben, was ich tatsächlich denke oder besser ausgedrückt, was die Krankheit zu mir sagt. Was wird nur meine Therapeutin von mir denken? Für solche kranken Gedanken muss man sich ja schämen!

Sehr schnell hat meine Therapeutin, die ich hier in meinem Tagebuch von nun an kurz S. nenne, es jedoch durchschaut und mir meine Ängste genommen. S. versteht genau, wovon ich spreche und sieht es sofort an meinem Verhalten, ob ich ihr etwas verschweige oder sie sogar belüge (aus Scham, mich lächerlich zu machen).
Nun in der vierten Woche schreibe ich unzensiert alles aufs Papier, was ich den ganzen Tag lang denke. Und glaubt mir, dass ist immens viel – und immens negativ.
Es geht nicht hauptsächlich ums Essen, es geht um so viel mehr…