Eine andere Sicht auf die Krankheit

 In Abschlussbericht

Dank der Therapiearbeit, deinen Denkanstößen und Fragen, fing ich an, die Krankheit von einer völlig anderen Seite zu sehen. Diese Sicht der Dinge war für mich vorher völlig undenkbar. Wir fingen gemeinsam an, meine Regeln zu hinterfragen und ich begann zu verstehen, dass es die Krankheit ist, die mir die Regeln vorschreibt. Ich wurde immer aufmerksamer und beobachtete mich und mein Verhalten in den verschiedensten Situationen. Und wie du es mir immer gesagt hast, irgendwann fiel auch mir auf, dass die Krankheit immer nur dieselben Gründe findet, warum ich mich an die Regeln halten muss. Ganz langsam wünschte ich mir, mich gegen die Krankheit zu stellen bzw. über sie zu stellen und so wie du es mir gesagt hattest, der Fahrer meines Lebens zu sein und am Lenkrad zu sitzen. Ich musste viele Kämpfe kämpfen und manchmal klappte es natürlich noch nicht, aber irgendwann fing ich an, mal ein bisschen mehr zu essen oder mal ein bisschen weniger Sport zu machen und es einfach mal auszuprobieren. Zu der Zeit hatte ich natürlich noch oft das Gefühl, dass ich versagt habe, weil ich mein mal wieder viel zu hoch gestecktes Ziel nicht erreicht hatte. Ich sah nicht die kleinen Erfolge. Es ist völlig normal, dass man um dieses Verhalten zu ändern, ein bisschen Zeit braucht, aber ich wollte natürlich wieder perfekt sein und es sofort schaffen. Du hast mir immer wieder gesagt: „Marlene, setz dich nicht unter Druck und hab Geduld. Mach dein eigenes Tempo.“

Nach einigen Wochen, in denen ich immer wieder dafür gekämpft hatte, mich über die Krankheit hinweg zusetzen, merkte ich langsam, dass es immer besser klappte, meine Strukturen langsam lockerer wurden und ich schon ein bisschen freier war. Das gute Gefühl war anfangs natürlich noch von Gewissensbissen überschattet, aber mit der Zeit wurde es für mich normal, mehr zu essen.
Mein Leben litt sehr unter der Magersucht und schränkte mich wahnsinnig ein.

Hier nur mal ein paar Beispiele:

  • Ich setzte alles daran, möglichst perfekt zu sein und es so jedem Recht zu machen. Ich konnte es nicht ertragen, dass mich jemand vielleicht mal nicht so nett findet und so habe ich alles daran gesetzt, dass mich alle mögen, selbst wenn ich die Person gar nicht so mochte oder es irgendwelche Unbekannten waren, die ich nie wieder sehen würde.
  • Urlaub, der ja eigentlich etwas Wunderschönes ist, war für mich keine Entspannung, sondern Stress. Wie bekomme ich es hin, meinen Sport zu machen? Wo bekomme ich das Essen her, das ich essen kann? Ich durfte mir auch dort nichts außer der Reihe leisten.
  • Ich konnte nie spontan sein. Alles musste vorher geplant sein, sonst fühlte ich mich unsicher. Auch mal übers Wochenende mit Freunden wegfahren war undenkbar. Merken die, was los ist? Wo mache ich heimlich meinen Sport? Was sagen sie zu meinem Essen?
  • Ich sagte Freunden, die sich mit mir spontan zu „meinen“ Essenszeiten verabreden wollten, ab oder ging früher heim, weil ich ja unbedingt zur „richtigen“ Zeit essen musste und zwar alleine ohne Zuschauer.