Ich bin der Fahrer

 In Februar 2009, Therapie-Tagebuch

Es geht mir heute total schlecht. Ich merke, wie meine Krankheit versucht, mich immer stärker in den Griff zu bekommen. Ich soll mich auf keinen Fall auf die Therapie einlassen, da meine Anorexie dann den Kampf verloren hätte und gehen muss. Meine Stimme, mein CNC, wird von Tag zu Tag lauter und schreit schon fast, dass ich die Therapie abbrechen soll und nach Hause gehen soll – natürlich mit meiner Krankheit im Koffer! Mein CNC stürzt sich auf jeden negativen Gedanken und macht aus einer kleinen Mücke einen riesengroßen Elefanten.

OK, natürlich hatte ich in den letzten Tagen auch unangenehme oder nicht so schöne Erlebnisse. Aber ich soll versuchen, die immer auch vorhandenen guten oder schönen Dinge zu sehen und mich auf diese zu fokussieren.
Wenn es mir schlecht geht und ich total durcheinander bin, soll ich mich hinsetzen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Schreib einfach alles auf, was dich beschäftigt. Dann gehe deine Aufzeichnungen noch einmal durch und versuche, die positiven Aspekte zu finden.

Mein CNC hat mir am Wochenende z. B. versucht, einzureden, dass mir die Therapie nicht hilft und dass ich somit gleich nach Hause gehen könnte. Ich hätte nichts dazu gelernt und würde nur meine Zeit verschwenden.

Nun beginnt meine Arbeit:
Nein, das ist nicht wahr. Die Therapie hat schon einigen Patienten vor mir geholfen und wird auch mir helfen! Es braucht Zeit und Geduld. Doch es wird passieren.
Seit 20 Jahren denke ich in meinem negativen Muster und habe mein CNC nie angezweifelt. Nun dauert es natürlich, bis ich objektiv und logisch denken werde. Aber es wird kommen.

Nicht nur ich bin ungeduldig. Auch meine Krankheit ist ungeduldig.
Sie mag nicht hier sein, sie spürt, dass es ihr an den Kragen geht. Deswegen wird sie es immer wieder versuchen, mich von hier weg zu bringen und mich davon zu überzeugen, dass ich mit ihr verbündet bleiben soll.

Ich habe mich jedoch für mein Leben und für meine Gesundheit entschieden. Mein Gefühl sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich bin der Fahrer und schlage eine neue Route ein.