Ich warte auf dich!

 In März 2009, Therapie-Tagebuch

Und, wie fühlst du dich so als ständig essendes Individuum? Du musst dich ja in Grund und Boden schämen!
Ich kann nicht so genau erklären, warum ich mich an diese neue Struktur halte und mein Essen versuche, zu essen. Aber ganz ehrlich, so furchtbar und schrecklich ist es nicht. Als ich mit meinen Kindern gegessen habe, gab es mir ein Gefühl der Verbundenheit und des Dazugehörens. Das war fast schön. Ich kam mir zum ersten Mal seit langem nicht so vor wie ein Ungeheuer oder ein Aussätziger, der lieber alleine ist und überhaupt nichts ißt oder alles verheimlicht.

Das kann nicht sein! Ich gebe dir Sicherheit und niemand sonst! Das Gefühl, dass ich nun in Therapie bin und besonders, dass ich spüre, dass sie mir hilft, gibt mir Sicherheit. Nicht du! Mach dir doch nichts vor! Du bist allein! Niemanden interessiert es, wie es dir geht. Keiner kümmert sich um dich! Hör auf damit! Das macht mich traurig! Dann kämpf doch dämlich alleine weiter in deiner Therapie! Das stimmt so nicht. Ich habe Unterstützung und Hilfe. Ich habe die Therapie und die Therapeuten.

Was bist du blöd. Was glaubst du eigentlich ! Sie unterstützen dich nicht, weil du so eine tolle Person bist, sondern weil sie Geld verdienen mit dir! Sie machen außerdem nur ihren Job. Deswegen sagen sie dir nette Sachen und du bist so bescheuert, dass du dies auch noch glaubst! Hör auf damit! Ich möchte nichts mehr hören! Pass mal genau auf! Ich warte hier auf dich! Mach halt deine blöde Therapie! Ich warte auf dich, bis du damit fertig bist. Ich werde da sein! Ich möchte das nicht glauben. Ich versuche, meiner Therapeutin zu glauben. Sie weiß, dass du nicht mehr da sein wirst, wenn ich gesund bin. Ich werde warten! Du siehst doch: Heute bist du alleine und morgen wirst du auch alleine sein. Niemand ist da für dich. Ich werde warten!