Meine geliebte Freundin – oder doch eher verhasste Feindin?

 In März 2009, Therapie-Tagebuch

Gestern Abend habe ich alles aufgeschrieben, was ich gedacht und gefühlt habe. Was genau meine Stimme war und was ich, kann ich nicht genau sagen, noch nicht! Doch dazu habe ich ja S. Ich war einsam, traurig, isoliert, verzweifelt und leer.

OK, ich stelle mich meinen Gedanken, egal wie verletzend und furchtbar das sein wird. Nur so werde ich wirklich meine Krankheit kennen lernen, sehen und verstehen, dass sie mir nicht gut tut und nicht meine Freundin ist und sie dann auch bekämpfen. Das Paradoxe und Kranke ist, dass ich mich so vertraut und „wohl“ mit meiner Anorexie fühle. Ich kenne sie, sie lebt schon so lange mit mir, sie ist mir so vertraut, dass ich denke, ich kann nicht ohne sie leben. Und schlimmer noch, ich möchte sie nicht verlieren.

Wie kann ich denn gegen sie kämpfen, wenn sie mir doch so vertraut ist? Was bin ich denn ohne sie? Ein Nichts! Wertlos! Einsam! Aber bin ich nicht auch mit ihr einsam? Und fühle ich mich nicht wertlos und als ob ich für andere nicht existiere? Oh, du meine Güte! Es ist alles so kompliziert, ich bin so verwirrt. Was soll ich nur glauben? Wem soll ich glauben?

S. kenne ich erst seit kurzem. Sie klingt zwar sehr empathisch und vertrauensvoll. Doch meine Anorexie kenne ich schon seit 20 Jahren. Da kommt so schnell keiner gegen an! Aber ich will doch, dass jemand es schafft, gegen meine Anorexie anzukämpfen und zu gewinnen! Will ich das wirklich? Bin ich auch bereit, alles dafür zu machen?