Welches Selbstbewusstsein?

 In Februar 2009, Therapie-Tagebuch

Eine Frage von S. reißt mich aus meinen Gedanken. Nun kommt sie schon zum zweiten Mal: Was glaubst du, wie viel Selbstbewusstsein du hast? Wenn du dich auf einer Skala von 1-10 einordnen müsstest, auf welcher Zahl würdest du dich sehen?
Was für eine blöde Frage! Natürlich gefühlte 1 (höchstens).

Mein Selbstwert hängt von der Beurteilung von Anderen ab. Wenn ich ein nettes Kompliment bekomme, steigt mein Wertegefühl rasant auf 8-9. Leider hält dies nur für einen kurzen Moment, da ich Meister darin bin, auch aus einem Kompliment noch etwas Negatives, gegen mich gerichtetes heraus zu interpretieren.
Sagt mir jemand, dass ich einen schönen, neuen Pullover an habe freue ich mich. Doch sehr schnell schlägt mein CNC zu. Wie bitte? Die sagt nur, dass dein Pulli schön ist. Dann wird wohl der ganze Rest extrem scheußlich sein. Und schwupps, geht mein Selbstwertgefühl in den Keller.

Dies anzuzweifeln und für mich „umzuprogrammieren“ fällt mir immens schwer. Jeder negative Kommentar fühlt sich für mich wahr an und ich zweifel nie darüber, ob es tatsächlich so ist. Ich bin schlecht, ich bin nichts wert und basta!
Warum denke ich so? Wo kommt dieses Denken her? Und besonders wichtig, wie kann ich es schaffen, da raus zu kommen? Wie kann ich meine „defekte Festplatte“ neu fragmentieren und komplett neu (ohne Viren) wieder aufsetzen?

S. schlägt vor, dass ich mir von jetzt an jeden Tag Zeit nehme, um meine Gedanken aufzuschreiben. Alles, was mir durch den Kopf geht, soll ich aufschreiben. Und bitte unzensiert!

Wenn ich noch einen Schritt weiter gehen kann, soll ich meine Gedanken genauer anschauen und anfangen, diese anzuzweifeln. Würde S. oder jemand Anderes dies auch so sehen? Ist dies wirklich wahr? Geh immer tiefer. Beschäftige dich mit dir, mit deinen selbstzerstörerischen Gedanken und deiner eigenen kleinen Welt.