Zweifel an meiner „Freundin“

 In März 2009, Therapie-Tagebuch

S. beruhigt mich, oder versucht es auf jeden Fall. Natürlich ist es furchtbar schwer und bringt einen auch extrem durcheinander, wenn man so viele Jahre das Gefühl hatte, eine Verbündete zu haben und nun kommt jemand und zweifelt genau das an. Und sogar noch weiter geht und beweisen kann, dass einem genau diese Verbündete nicht gut tut, sondern einem so stark schadet, dass man krank wird.

Ich soll mir Zeit geben. Diesen Glaubenssatz, dass meine „Freundin“ Anorexie und ich eins sind und wir nicht ohne den anderen können, habe ich seit 20 Jahren gelebt. Ihn nun anzuzweifeln ist ungefähr so, als ob ich plötzlich daherkomme und anzweifeln würde, dass jeden Morgen die Sonne aufgeht.
Niemand trennt sich von heute auf morgen von einer Gewohnheit oder einer Person, auch wenn sie erwiesenermaßen mehr schadet als Nutzen bringt.
Es ist sehr gut, dass ich meine „Verbündete“ nun immer mehr in Frage stelle. Ich werde sie beobachten und versuchen, ihr nicht auf Gedeih und Verderb alles zu glauben.

Ich werde sie anzweifeln und versuchen, rational heraus zu finden, ob sie es wirklich gut meint mit mir oder nicht.
Aber das wird sie doch sicherlich nicht mögen? Vielleicht entfernt sie sich dann von mir, wenn sie merkt, dass ich sie nicht mehr mag?
Aber dann bin ich ja wieder alleine und einsam!